
Berlin, Alexanderplatz. Springerstiefel, Netzstrumpfhose und Piercings, das ist Isas Arbeitsuniform. Mit einer Kippe in der Hand wartet sie auf ihre Touristen, denen sie heute etwas von der Berliner Untergrundszene zeigen möchte. Die junge Französin wohnt seit ein paar Jahren in Berlin. Zuhause in der Hausbesetzer-Szene, kennt sie viele Plätze, die sich dem normalen Berlin Besucher eher nicht erschließen.
Sieben Leute zwischen 25 und 30 Jahren sind heute zusammengekommen, ein Brite, zwei Berlinerinnen, zwei deutsche Touristen, Luise und ich. Ob Isa, die kürzer als ich in Berlin wohnt, uns was Neues zeigen kann? Ich bin gespannt. In der ersten Stunde, die wir in der Umgebung des Hackeschen Marktes verbringen, gelingt ihr das nicht. Erst als Isa uns auf das Gelände eines alten halbverfallenen Bahn-Depots in Friedrichshain führt, macht sich Begeisterung breit. “So etwas gibt es in London einfach nicht! Guckt euch doch mal den Platz an! Das ist unglaublich.” John, der Brite, ist beeindruckt. Zwischen den Ruinen befinden sich Künstlerateliers, ein Klettergarten, Clubs und ein veganer Imbiss.
Großstadtromantik und Aliens
Noch unglaublicher wird es kurze Zeit später. Nachdem unsere Gruppe mit Bier und selbstgedrehten Zigaretten auf dem Dach einer alten Fabrik pausiert, den Sonnenuntergang genossen und den leisen elektronischen Beats vom Nachbarclub gelauscht hat, ist es wieder Zeit für Action. “Jetzt wird es richtig abgefahren, aber bitte keine abfälligen Bemerkungen,” warnt sie die Gruppe, “manche der Mitglieder sind empfindlich gegenüber dem Besuch von Aliens.”
Die Berlinerinnen tauschen verwirrte Blicke aus. “Hat Isa gerade Aliens gesagt?” flüstert Luise mir zu.
Beim Betreten der C-Base müssen wir feststellen, dass wir selber die Aliens sind von denen Isa geredet hat. Der eingetragene Verein, der sich unter anderem mit außerirdischem Leben beschäftigt und Dreh- und Angelpunkt der Berliner Hackerszene ist, unterscheidet strikt nach Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Letztere werden als Aliens bezeichnet.
Dank Isas guter Beziehungen, erhält unsere Gruppe eine Führung durch die Arbeitsräume des Vereins, ein Bereich der normalerweise nur für Mitglieder zugänglich ist. Als sich die Tür zu dem geheimen Räumen öffnet geht ein Alarm los: “Attention! Aliens entering the zone.”
Regale, voll gestopft mit alten Computerzubehör, Werkzeugen und Kabeln, unterteilen den großen Kellerraum in enge Arbeitsnischen. Neonröhren ersetzen das Tageslicht und die Luft ist dick vom Zigarettenqualm. Der Alarm hat viele Mitglieder aufgeschreckt. Mit ihrem Laptop unterm Arm huschen sie außer Sichtweite. “Die Werkstatt ist tabu” raunzt ein verärgert wirkendes Mitglied dem Alien-Führer Christian zu. Christian, selber Mitglied, ist Aliens gegenüber aufgeschlossen. Die Tour durch das allerheiligste der C-Base scheint ihm Spaß zu machen.
Aufgeregt zeigt er uns etwas, das für Unwissende aussieht wie ein Bar-Kühlschrank, für Wissende jedoch eine Art “Beam-Kabine” ist. Danach geht es zu den Toiletten, von denen eine außerirdische Ranke Besitz ergriffen hat. Die Kommunikation mit ihr ist schwierig, denn sie braucht an die 80 Jahre für einen einzigen Satz. Abschließend wirft die Gruppe einen kurzen Blick in den Konferenzraum. 20 blasse, junge Männer haben ihre Köpfe zusammengesteckt und tüfteln an einem Großprojekt. Sie verstummen schlagartig als sie die Aliens erblicken.
Isa erwartet uns draußen an der frischen Luft. Zufrieden bemerkt sie die verwirrten und ungläubigen Gesichtsausdrücke. “Ich bin ein Alien in der eigenen Stadt…” höre ich Luise belustigt und etwas fassungslos murmeln.
Infos zur Berlin Twilight Underground Tour
Die Tour ist buchbar über gidsy.com
Kosten: 20 Euro pro Person
Dauer: ca. 4 Std.
Teilnehmer: max. 10
Findet immer Freitags statt.
Startpunkt: Alexanderplatz




