Nur 70 Flugminuten von Berlin entfernt liegt die derzeit wohl aufregendste Stadt Osteuropas. Luise und ich haben uns auf den Weg nach Osten gemacht, um unterirdische Höhlen zu erkunden, pulsierende Kunstcafés und alternative Ruinenbars auszuchecken und uns in prunkvollen Thermalbädern zu erholen. Ein Wochenende zwischen Spannung und Entspannung.
Erwartungsvoll sitze ich im Flughafen-Shuttle und starre nach draußen in die Dunkelheit. Viel ist nicht zu sehen, die Lichter der entgegenkommenden Autos blenden mich. Wir fahren an einem McDonald’s vorbei, dann an einem Outlet, einem Baumarkt – Hässlichkeiten, die die Vorstädte einer jeden Großstadt verschandeln. Nach einer Weile wird die Bebauung dichter und die modernen Gebäude werden durch prächtige Bauten aus der Gründerzeit ersetzt. Unsere Fahrt verlangsamt sich, der Shuttle bahnt sich geschickt einen Weg durch den aufkommenden Feierabendverkehr und durch die immer enger werden Straßen.
Geheimtipp Osteuropas
Ein sanftes Prickeln durchläuft meinen Körper, jene Mischung aus Vorfreude und Neugier, die unbekannte Orte in mir auslösen. Weder Luise noch ich war jemals in Budapest, obwohl es nur eine gute Flugstunde von Berlin entfernt ist. Unsere Erwartungen an die Donau-Stadt sind hoch, die ungarische Hauptstadt gilt als Geheimtipp Osteuropas. Weniger bekannt als die Nachbarmetropolen Wien und Prag soll sie diese jedoch in der Kombination von Klassik und Moderne übertreffen.
Am Fenster gleiten kleine Geschäfte an uns vorbei, Leute die auf den Bus warten, dick eingemummelt in ihre Wintermäntel. Dort ein kleines Café im arabischen Stil, dann eine Kunstgalerie. Ich erhasche kurz einen Blick in ein Restaurant, dunkle Holzmöbel, hohe Wände. Wir müssen uns diese Gegend unbedingt merken, sage ich zu Luise. Hier möchte ich mich umsehen. Krampfhaft halte ich nach Straßennamen Ausschau. Doch bevor ich einen entdecken kann, hält unser Bus. Der Fahrer bedeutet uns auszusteigen, wir haben unser Ziel erreicht. Ich kann mein Glück kaum fassen, unser 9flats Apartment liegt in dieser hippen Gegend.
Später erfahren wir, dass Budapest ähnlich wie Paris oder Wien, in Bezirke aufgeteilt ist. Wir wohnen im 7. Bezirk, auch das jüdische Viertel genannt, der derzeit angesagtesten Gegend der Stadt.
Badewannen in Ruinen – Budapest by night
Kurze Zeit später sind wir mittendrin. Wir laufen durch die kleinen Straßen, die so schöne Namen tragen wie Akazienstraße, Tabakstraße und Rabenstraße. Immer wieder sehen wir kleine Grüppchen junger Leute auf der Straße stehen und rauchen. Ziellos lassen wir uns treiben von einer Bar in die nächste. Alle sind gefüllt mit jungen, trendigen Leuten. Man steht eng an eng, es wir viel gelacht und geredet. Wir stehen mittendrin und sippen an unserem Unicum, dem ungarischen Nationalschnaps.
Beim Betreten der nächsten Bar habe ich das Gefühl eine Märchenwelt zu betreten. Von außen sah das Haus wenig vertrauenserweckend aus. Nach dem wir jedoch die schäbige Tür durchschritten haben, befinden wir uns in einem begrünten Innenhof. Lianen hängen von der Galerie, eine Girlande spendet schummriges Licht und Heizpilze verströmen Wärme. Die Barmöbel sind alte Turngeräte und ausrangierte Wohnaccessoires. Luise nimmt Platz auf einem ledernen Rick, während ich mich in die Badewanne fallen lasse.
Location wie diese gibt es viele in Budapest. Es sind halbverfallene Prachtbauten, brachliegende Flächen oder nicht fertig gestellte Bauprojekte. Die Wirtschaftskrise hält Investoren fern und schafft Freiräume, in denen sich die Jungen und Kreativen der Stadt verwirklichen. Aus dem Nichts, in alten Ruinen und leer stehenden Gebäuden, haben sie experimentelle Kunstgalerien, verspielte Cafés und legendäre Pubs erschaffen.
Die Wohnzimmer der Stadt: Kaffeehäuser
Am nächsten Morgen fällt das Aufstehen schwer. Bevor wir die Donau überqueren und uns von Pest nach Buda begeben, kehren wir in einem Kaffeehaus ein. Budapest ist unterteilt in drei Stadtteile: Buda, Pest und Obuda, die drei einst unabhängigen Städte wurden 1873 zusammengefasst.
Im Kaffeehaus ist es warm und gemütlich, schwere Kronleuchter hängen von der aufwendig gold verzierten Decke, ihre Lichter brechen sich in den überdimensionalen, flächenweise blinden Wandspiegeln. In der Ecke auf dem schwarzen Ledersofa sitzt ein Herr und liest Zeitung, zwei Tische weiter blättern drei Frauen in Modezeitschriften und das ältere Pärchen direkt neben uns ist in ein angeregtes Gespräch verwickelt.
Es herrscht eine heimelige Atmosphäre, fast so gemütlich wie im eigenen Wohnzimmer, nur der Service ist besser.
Die Kaffeehauskultur ist eine der vielen Gemeinsamkeiten Wiens und Budapests. Beide Städte sind geprägt durch ihre Habsburgische Vergangenheit, die sich sowohl architektonisch als auch kulturell bis heute zeigt. Doch während die Kaffeehauskultur in Wien über die Jahre unverändert bestehen bleiben konnte, erfuhr sie in Budapest unter dem kommunistischen Regime drastische Einschnitte. Bekannt als Treffpunkte der intellektuellen und künstlerischen Elite schienen diese Orte der Zusammenkunft und des Austausches eine zu große Gefahr für das kommunistische Regime und wurden nach und nach geschlossen. An ihre Stelle traten die so genannten Szpressos, schmuck- und musiklose Gaststätten.
Auf der anderen Seite
Aufgeweckt überqueren wir die Széchenyi Lánchíd (Kettenbrücke). Die Donau glitzert in der Sonne und hinter uns leuchtet die weiße, neogotische Fassade des ungarischen Parlaments. In Buda angekommen steigen wir in die kleine Standseilbahn. Ächzend und knarrend, zieht uns die Seilbahn, die zu den ältesten Europas zählt, nach oben und gibt den Blick frei auf den dunkelblauen Fluss mit seinen vielen Brücken und die Prachtbauten Pests.
Den restlichen Vormittag verbringen wir damit Buda zu erkunden, es ist die touristischere Seite der Stadt, die Sehenswürdigkeiten beherbergt wie das königliche Schloss, heute Nationalgalerie, den Sándor Palais, die Matthiaskirche und die Fischerbastei.
Mit dem Fahrrad durch Josefstadt
Nachdem wir das Nachtleben genossen und die Hauptsehenswürdigkeiten gesehen haben, interessieren uns die von Touristen und Hipstern noch verschmähten Gegenden. Mit dem Fahrrad und unserem Guide Christian radeln wir nach Josefstadt. Lässig fährt er vor Luise und mir her, winkt uns über rote Ampeln und dirigiert uns durch die Stadt. „Budapest ist anders, als Deutschland oder Österreich. Hier bist du frei und kannst dich ausprobieren’ ruft mir Christian über die Schulter zu. Der Wahlbudapester weiß wovon er spricht, seit mehreren Jahren wohnt der Wiener in der ungarischen Hauptstadt und betreibt hier einen Fahrradverleih.
Langsam ändert sich das Stadtbild, die gut restaurierten Häuserfassaden enden, der Putz fängt an zu bröckeln und der letzte Pinselstrich scheint schon Jahre zurück zu liegen. Bei genauerem Hinsehen sieht man noch Einschusslöcher, Narben der vergangenen Kriege. Ab und zu klafft eine Lücke in der Häuserfassade und gibt den Blick frei auf das Hinterhofsystem Budapests. Die Wohnungen in den Höfen sind oft über außen anliegende Galerien zu erreichen und die Haustüren öffnen sich folglich direkt zum Hof und nicht in das Treppenhaus. Die Häuser umgibt eine geheimnisvolle, wenn auch gleichzeitig sehr reale, Schönheit. In den Ladengeschäften sind kleine Gemüsehändler, Metzger und Trödelläden. Für alle die es lieben zu stöbern, ist Josefstadt eine Schatztruhe.
Caving – steinerne Rutschen ins Ungewisse
Die Underground- und Partyszene haben wir bereits ausführlich erkundet, aber Budapest hat noch mehr untergründiges zu bieten. Die Stadt unterwandert ein 20 km langes Höhlensystem. Manche dieser Höhlen sind nur für Taucher erreichbar, andere wurden für militärische Zwecke genutzt und in einer wurde im zweiten Weltkrieg sogar ein Krankenhaus eingerichtet.
Wir haben uns für eine dreistündige Tour angemeldet. Die Vorstellung stundenlang im Dunkeln rumzutappen, während über mir eine Stadt liegt, die soviel zu bieten hat, begeistert mich wenig. Doch die nächste Stunde belehrt mich eines besseren. Vorab werden wir mit festen Overalls, Helmen und Lampen ausgestattet. Eine gewaltige, nicht enden wollende Leiter führt uns in die Tiefe. Hier unten ist es stockdunkel, ich hoffe die Batterien meiner Kopflampe sind geladen.
Noch etwas zaghaft tapsen wir hinter unserem Guide her, er führt uns in eine große Höhle. Während er uns Hintergrundinformationen zum Höhlensystem liefert, gucke ich mich um. Nur ein Weg scheint in bzw. aus der Höhle zu führen, der den wir gekommen sind, wenn man den winzigen Tunnel in der linken Ecke nicht zählt. Bevor ich zu Ende gedacht habe, wird meine Befürchtung wahr. Mit einem aufmunterten Lächeln und letzten Ratschlägen robbt sich unser Guide durch diesen Tunnel … und wir hinter her. In den nächsten Stunden kriechen wir auf allen Vieren durch niedrige Gänge, schlängeln uns kopfüber durch enge Felstunnel, rutschen auf dem Po ins Ungewisse und durchqueren seitlich schmale Spalten. Jeder Schritt ist eine Herausforderung und jedes überwundene Hindernis ein Adrenalinkick.
Nach vier Stunden erblicken wir schmutzig, erschöpft aber stolz wieder das Tageslicht.
Plätschernde Gespräche und heiße Thermen
Noch Stunden später als wir in den dampfenden Thermalquellen des Szechyni Bades liegen, über uns der sternenklare Winterhimmel, unterhalten wir uns über unser Abenteuer. Ähnlich wie die Kaffeehäuser sind auch die Budapester Bäder Orte der Zusammenkunft. Um uns herum spielen Männer Schach, Frauen liegen schnackend mit genüsslich zurück gelehntem Kopf am Beckenrand und Pärchen haben ihr erstes Date.
21 Thermalbäder hat die Stadt, viele von ihnen sind in architektonisch bedeutenden Gebäuden und jedes von ihnen ist einzigartig, auch was sein Publikum betrifft. In das Géllert Bad zieht es vor allem Touristen, das Király Bad ist beliebt bei Homosexuellen und das Rudas Bad bei den Jugendlichen. Das Széchenyi-Bad, in dem wir gerade planschen, gilt als Geheimtipp unter den Locals.
Glücklich atme ich die kalte, nach Schwefel riechende Luft ein. Budapest hat alle meine Erwartungen übertroffen. Wir haben hier eine Mischung aus Klassik und Avantgarde, aus Spannung und Entspannung und aus Untergrund und Hochkultur vorgefunden, die in dieser Form einmalig ist.
Bei FluxFM im Studio
Am 13. Dezember 2011 waren wir bei FluxFM im Studio:










































Freue mich jede Woche auf den Dienstag, um den neuen Reisebericht zu lesen.Möchte alle Reisetipps befolgen, nur wann… Bitte unbedingt die Serie verlängern!!