Für drei Nächte den Okzident gegen den Orient austauschen.
Marokko – das klingt für viele nach Fernreise und nicht nach einem Wochenendtrip. Doch die marokkanische Hafenstadt Agadir ist nur vier Flugstunden von Berlin entfernt. Deshalb tauschen Luise und ich auf unserem ersten Trip den Okzident gegen den Orient und verbringen drei inspierende Tage in einer Welt, in der Ziegen in Bäumen stehen, Esel die Parkplätze besetzen und der Duft von Zimt, Minze und Orangen die Sinne betört.
Anstelle von Kaffee wird hier süßer Tee geschlürft, Schweinefleisch ist aus der Küche verbannt und Alkohol gibt es nur in wenigen, etwas verruchten Bars oder schicken Hotel-Ressorts. In den nächsten drei Tagen wollen wir Marrakesch und Essaouira erkunden, in Hamams schwitzen, auf Märkten (“Suk”) feilschen, am Strand galoppieren und hinterm Herd zaubern.
Agadir – Gateway zu Marokko
Bei der Ankunft in Agadir bin ich etwas ernüchtert. Zwar scheint mir die Sonne ins Gesicht, doch nach einer kurzen Tour durch das Stadtzentrum stelle ich fest, dass ich hier nicht in die Welt Nathan des Weisen oder Scheherazades eintauchen werde. Allerdings ist Agadir der perfekte Ausgangsort, um die umliegenden Städte zu erkunden.
In Agadir gelandet sollten Stadtfreunde weiter nach Marrakesch ins Landesinnere fahren (nur 2 Stunden mit dem Taxi) und alle, die Lust auf frische Meeresluft haben, sollten einen Abstecher in die pittoreske Hafenstadt Essaouira machen (ebenfalls nur eine zweistündige Taxifahrt entfernt).
Mit dem Taxi nach Marrakesch und Parkplätze der etwas anderen Art
Kurze Zeit später sitzen Luise und ich im Taxi nach Marrakesch. Die Fahrt kostet umgerechnet etwa 80 Euro, dass ist zwar fast fünfmal soviel wie die Fahrt im öffentlichen Bus, dafür sind wir schneller und können nach Belieben halten.
Die richtige Entscheidung, denn bereits nach 40 Minuten weichen wir von der Route ab. Seit einiger Zeit beobachten wir ein verstärktes Eselaufkommen. Esel sind durchaus keine Seltenheit in Marokko, doch so viele auf einmal erwecken unsere Neugier. Zumal alle Esel mit ihren Reitern in dieselbe Richtung streben. Das können wir nicht auf sich beruhen lassen und hängen uns an ihre Fersen. Der kleine Abstecher lohnt sich, denn das Schauspiel, das sich uns beim Verlassen der Landstraße bietet, ist einmalig. Da stehen sie: hellgraue, dunkelgraue, fast schwarze, weiße, große, kleine, dicke, dünne, krummbeinige, freundliche und verfressene. Wir haben einen Eselparkplatz entdeckt. Direkt hinter dem lokalen Suk “parken” die Händler und Käufer ihre Esel, um sich ungestört ihren Geschäften widmen zu können.
Scheherazade meets Lady Gaga
Gerade sind wir noch durch ländliche Gegenden gefahren, haben Menschen auf Eseln und Schafe auf Motorinos gesehen. Doch auf einmal ist alles anders, ich sehe kaum noch Frauen mit Kopftüchern, die Straßen sind breit und geteert und Zara, Starbucks und Co. säumen ihre Ränder.
Mohammed, unser Fahrer, dreht sich strahlend um: “Welcome to Marrakesh!” Kurze Zeit später hält er schon und lässt uns vor einem modernen mehrstöckigen Gebäude in Guéliz raus – unser Zuhause für die nächsten beiden Nächte. In Marrakesch haben wir uns gegen ein Hotel entschieden und über 9flats.com eine Privatunterkunft gemietet. Wir haben Lust, auf dem Suk einkaufen zu gehen und Samiras Gerichte nachzukochen, ein bisschen abseits von anderen Touristen zu wohnen und vor allem Locals kennenzulernen.
Letzteres wird uns leicht gemacht. Unser Vermieter Damian bereitet uns einen herzlichen Empfang. Nach einem kurzen Wohnungsrundgang zeigt er uns sein Lieblingscafé gleich um die Ecke. Statt Tajín gibt es Salade Niçoise und im Hintergrund läuft Lady Gaga. Es ist nicht das Marokko aus den Märchen, aber vielleicht das zeitgenössischere? Das Echtere?
Im Reich der Frauen – ein Besuch im Hamam
Am nächsten Morgen nimmt Damian uns mit in die Medina (“Altstadt”), lotst uns durch die engen Kopfsteinpflastergassen vorbei an winzigen Handwerksläden, Schafställen, Djellaba- Boutiquen und Moscheen. Plötzlich hält er vor einer niedrigen Holztür, das Tor zu einem Hamam. Mit dem Überqueren der Schwelle gelangen wir in das private Reich der Frauen, die Tür schließt sich hinter uns und Männer, Lärm und Hektik bleiben draußen – auch Damian, der uns grinsend zuwinkt und ruft: “Wir sehen uns danach zum Minztee im Café um die Ecke.”
Innen herrscht ein warmes Dämmerlicht, leichter Dampf und ein schwerer süßlicher Geruch hängen in der Luft. Bevor ich mich weiter umsehen kann, packt mich eine zierliche Marokkanerin fest und zieht mich vorbei an schemenhaften Gestalten hinter leichten Vorhängen und zahlreichen massiven Holztüren. In den folgenden Stunden werde ich von Frau zu Frau gereicht, erfahrene Hände waschen und schrubben mich, baden meine Füße in Rosenblättern, legen mir kalte Steine auf, reichen mir Tee und kneten meinen Körper durch.
Mit unserem Gastgeber durch die engen Gassen des Suks
Dann ist es vorbei und wir stehen draußen. Die Sonne neigt sich schon, zur blauen Stunde wollen wir am Djemma el Fna sein, dem Hauptplatz Marrakeschs. Doch bevor es soweit ist, besuchen wir noch zu dritt den Suk.
Gleich beim Durchschreiten des Eingangstors strömen mir exotische Gerüche entgegen. Es ist ein wilder Mix aus Minze, Orangen, Kümmel und Moschus, der mich tiefer in das Labyrinth hineinzieht. Die schräg durch das Dach fallenden Sonnenstrahlen tauchen die Stände in silbernes Licht. Marokkanische Frauen bekleidet mit farbigen, reichbestickten Djellabas und kunstvoll gebunden Kopftüchern ziehen ihre Einkaufswägen hinter sich her. Männer transportieren in den Kapuzen ihrer Djellabas gerade Erstandenes und an allen Ständen werden Neuigkeiten ausgetauscht und gefeilscht.
Reich an Eindrücken, doch viele Dirhams ärmer und beladen mit Babush, Teegläsern und sogar einer Djellaba, machen wir uns auf den Weg zum Djemma el Fna, um eine Kleinigkeit in den Garküchen zu essen und das wilde Getummel auf dem bekannten Platz zu beobachten.
Farbwechsel: Aus rot wird weiß-blau! Ein Abstecher in die Hafenstadt Essaouira
Am nächsten Tag ist es Zeit für einen Farbwechsel. Wir verlassen die rote Stadt, wie Marrakesch auch genannt wird, und schwingen uns abermals ins Taxi. Knappe zwei Stunden später taucht in der Ferne die weiß-blaue Küstenstadt Essaouira am Horizont auf. Sie ist in silbriges Licht getaucht, hinter ihr tobt das Meer und schickt feine Gischtwolken über die Mauern.
Einst äußerster Posten der antiken Welt und später Standort einer portugiesischen Festung, nahm Essaouira im ausgehenden 18. Jahrhundert ihre heutige Form an. Sultan Ben Abdallah verpflichtete den französischen Architekten Cornu, der aufklärerische Ideale mit französischer Festungsarchitektur kombinierte und eine für Marokko in ihrer Geometrie einmalige Stadt schuf. Dank ihrer Lage entwickelte sich die kleine Hafenstadt schnell zu einem zentralen Umschlagspunkt des Handels. Karawanen aus ganz Afrika kamen hier an und verschifften ihre Ware nach Europa. Heute dient der Hafen hauptsächlich den lokalen Fischern.
Schlangenbeschwörer und Schneckensuppe
Wir erreichen Essaouira am späten Nachmittag, die Sonne neigt sich dem Meer entgegen und das Leben in den engen Gassen der Altstadt kocht noch einmal kurz hoch, bevor es sich schlafen legt.
Beim Durchqueren der Medina auf dem Weg zu unserer Unterkunft, scheinen sich alle meine Fantasien über den Orient zu vergegenständlichen. Ich sehe Schlangenbeschwörer, atme den scharfen Geruch von Curry ein, bleibe kurz vor Schalen mit lebenden Schnecken stehen, eine Katze huscht an mir vorbei mit Fischresten im Maul. Ich erhasche einen Blick in eine Moschee, ein Teppichhändler bedeutet mir in seinen Laden zu treten und mein Blick kreuzt sich kurz mit den geheimnisvollen Augen einer Marokkanerin, die unter dem Schleier hervorschauen.
Gerade noch mitten im Trubel befinden wir uns wenige Minuten später in einer engen kleinen Gasse, an deren Ende eine verwunschene blaue Tür mit einem großen goldenen Türklopfer steht. Zaghaft klopfen wir und als sich die Türen öffnen, offenbart sich uns die ganze Schönheit eines traditionellen marokkanischen Hauses, Riad genannt. Nach außen ist diese Art von Häusern abgeschottet. Fensterlos schützen sie sich vor Hitze und neugierigen Blicken. Doch kaum hat man die schützenden Mauern betreten, findet man sich in einer lichtdurchfluteten Oase wieder. Alle Zimmer öffnen sich hin zum Riad, einem begrünten Innenhof.
Gnaoua Musik in den Cafés der Altstadt
Abends nimmt uns unser neuer Freund Mohad mit in ein Café, wo wir den Klängen der Gnaoua-Musik lauschen. Ursprünglich stammt diese Musik aus dem Senegal, Sudan und Ghana. Im 16. Jahrhundert brachten Sklavenhandel und Karawanen diese Musik bis nach Nordafrika, wo sie bis heute gespielt wird.
Kreischende Möwen und freilaufende Dromedare – ein Ausritt am Strand
Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und genießen ein marokkanisch- französisches Frühstück, bestehend aus Minztee, Croissants, Datteln und Marmelade, bevor wir uns auf den Weg zur Ranch de Diabat machen. Die folgenden drei Stunden verbringen wir glückselig am menschenleeren Strand lang reitend – rechts das Meer, links die Dünen, ab und zu eine Herde Dromedare oder ein Esel.
Pantomimische Kochstunden
Mittags ist es dann Zeit für die Kochstunden bei Samira. Zu dritt stehen wir in der Küche des Dar L’Oussia und strahlen uns an, denn sprechen können wir nicht miteinander. Samira spricht kein französisch und wir kein arabisch. Egal, wir sind ja schließlich zum Kochen und nicht zum Reden hergekommen. Ein typisch marokkanisches Dreigänge-Menü steht auf dem Lehrplan:
Feuilles de brick gefüllt mit Ziegenkäse
Hackbällchen in Tomaten-Koriandersoße in der Tajin gekocht
Orangen an Zimt und Minze
Ziegen die auf Bäumen stehen
Kaum haben wir unser selbstgekochtes Mahl verzehrt, heißt es Abschied nehmen von der weiß-blauen Stadt. Unsere drei Nächte in Marokko sind vorbei. Das Taxi steht bereit, um uns zum Flughafen nach Agadir zu bringen, eine etwa 2-stündige Fahrt. Doch Marokko wäre nicht Marokko, wenn nicht auch diese letzte Fahrt eine Überraschung für uns bereithalten würde.
Ungefähr auf halber Strecke trauen wir unseren Augen nicht und bitten den Fahrer rechts ran zu fahren. Ist es eine Fata Morgana oder sehen wir tatsächlich Ziegen in den Baumkronen? Die geschickten Feinschmecker stehen in den Wipfeln und knabbern an den Blättern der Arganien. Im Volksmund wird der Baum wegen seiner Beliebtheit bei den Ziegen auch Ziegenbaum genannt. Die Region zwischen Agadir und Essaouira ist bekannt für seine Arganien, aus deren Früchten das begehrte Arganöl gewonnen wird.
Vier Stunden Flug, drei Tage Marokko, den Koffer gefüllt mit Teegläsern und den Kopf voll mit Geschichten fast wie aus 1001 Nacht – nach diesem Kurztrip in ferne Welten, sind wir bereit uns wieder dem Berliner Alltag zu stellen.
Bei FluxFM im Studio
Am 29. November 2011 waren wir bei FluxFM im Studio:




























